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                   Lob der Arbeit

                    Cora Stephan

 

                    Es gibt ein unschlagbares Argument gegen vieles, das schön ist im

                    Leben: gegen Sprossenfenster. Gegen Holzfußböden. Gegen Haustiere.

                    Gegen Leinenbettwäsche und Stoffservietten. Gegen Laubbäume. Sie

                    machen Arbeit. Weshalb sie abgeschafft gehören.

 

                    Während die halbe Welt über Arbeitslosigkeit klagt, versucht die andere

                    Hälfte, Arbeit im Keim zu ersticken. Architekten und Baumärkte,

                    Gartenhandlungen und Küchengerätehersteller haben sich verschworen,

                    den Menschen alltägliche Verrichtungen abzunehmen, damit sie sich

                    Größerem widmen können: der Erfindung des perpetuum mobile oder

                    dem Studium aller Krimiserien im Fernsehen, bei denen ein Hund

                    mitspielt. Zum Beispiel.

 

                    Daß Arbeit im Leben eines durchschnittlichen Mitteleuropäers noch eine

                    große Rolle spiele, muß ein Gerücht sein. Während unsere Vorfahren

                    schufteten bis zum Umfallen, tut sich heute nach der 35-Stundenwoche

                    für viele ein Vakuum auf, das für kinderlose Singles wahrscheinlich

                    unerträglich wäre, forderte ihnen der Staat nicht wenigstens einmal im

                    Jahr die Lohnsteuererklärung ab. Und kaum hat man, nach jahrelanger

                    Ausbildung, die Festanstellung mit 35-Stunden-Woche erreicht und

                    ebenso schätzen gelernt wie die Annehmlichkeiten von Tiefkühltruhe und

                    Mikrowelle, sind fünfundzwanzig Berufsjahre rum und die Frühverrentung

                    steht ins Haus. Wer sich bis dahin keinen Sinn im Leben gesucht hat,

                    findet auch keinen mehr. Vielen Ruheständlern fällt zum Leben nichts

                    mehr ein – nicht, weil sie zu alt dafür wären. Sondern weil das Leben sie

                    ausgespien hat. Oder, besser, jenes sich sozial schimpfende System, das

                    sie in die Nutzlosigkeit gelockt hat. Wie zur Strafe werden sie nun für die

                    Kosten, die sie mit ihrem Vorruhestand verursachen, verleumdet.

 

                    Das ist jetzt alles völlig überspitzt formuliert und gar nicht wahr und

                    überhaupt ungerecht? Na und ob. Denn sicherlich gibt es Jobs, die man

                    niemandem mehr als 35 Stunden in der Woche zumuten kann (die in der

                    gewerkschaftlich behüteten Großindustrie gehören übrigens selten dazu).

                    Sicherlich gibt es Menschen, die mit 53 krank und ausgelaugt sind und

                    die ihre geschätzten 20, 30 restlichen Lebensjahre so würdig wie möglich

                    gestalten sollten. Und klar gibt es ein Leben jenseits der Arbeit, eines,

                    das Kinder zulässt und Reisen und Bildung. Und Nichtstun. Aber für viele,

                    ja wahrscheinlich für weit mehr als eine große, womöglich gar

                    privilegierte Minderheit hat Arbeit etwas mit Sinn zu tun, mit Selbstwert,

                    mit einem tiefen Bedürfnis. Arbeit bedeutet Teilhabe am Leben,

                    Zusammensein mit anderen Menschen, heißt, Aufgaben zu lösen und

                    Probleme zu bewältigen, kann schöpferisch sein, befriedigt den

                    Leistungswillen. Arbeit belohnt, macht unabhängig, hält beweglich, im

                    Kopf und überall sonst. Warum würden sonst so viele nach einem

                    Arbeitsplatz suchen, der ihnen nicht nur Lohn und Brot gibt, sondern

                    Sinnerfüllung und Selbstverwirklichung dazu?

 

                    Freizeitforscher wollen herausgefunden haben, daß ein Urlaub, der länger

                    als zwei Wochen dauert, die Sinne erlahmen läßt. Wie wird es da wohl

                    jemandem ergehen, der mit 65 oder gar früher zwangsverrentet wird,

                    obwohl seine Leistungsfähigkeit noch keine Grenze erkennen läßt?

                    Nichtstun scheint unsere Physis mit Nutzlosigkeit gleichzusetzen. Was

                    Wunder: Menschen verlernen nicht in wenigen Jahrzehnten, was

                    Jahrtausen-de antrainiert ist: daß das Leben Arbeit ist, Kampf ums

                    Überleben, oder wenigstens ums gute Leben. Nicht nur die

                    Gewichtsprobleme fast aller gemeinen Mitteleuropäer scheinen zu zeigen,

                    daß wir nicht geeicht sind auf einsame Abende vor dem Fernseher mit

                    einer Nahrungszufuhr, um die sich unser Körper nicht bemühen mußte.

 

                    Nein, reden wir einmal nicht über die Notwendigkeit, länger zu arbeiten,

                    weil unsere Versicherungssysteme für gänzlich andere

                    Lebensarbeitszeiten ausgelegt sind, als wir sie heute haben. Reden wir

                    nicht über den Zwang, die Maschinenlaufzeiten auszulasten oder den

                    veränderten Anforderungen an Dienstleistung, etwa dank längerer

                    Ladenöffnungszeiten, nachzukommen. Reden wir nicht über die alternde

                    Gesellschaft, die sich Frühverrentung gar nicht mehr leisten kann.

 

                    Reden wir über die Lust an der Arbeit, über die Freude, etwas zu

                    bewirken, zu schaffen, zu erschaffen. Über den Spaß, sogar das wieder

                    selbst zu tun, was uns Küchenmaschinen und Bügelautomaten immer

                    noch abzunehmen versprechen. Über den Luxus der Betätigung.

 

                    Und damit über die Bäume, die uns die Arbeit machen, im Herbst ihre

                    welken Blätter wegzufegen. Während die Wildgänse sich am Himmel die

                    Mühe bereiten, wie jedes Jahr im Herbst gen Süden zu ziehen.

 

                    Warum wohl? Weil es ohne Anstrengung nicht zu haben ist, das wirkliche,

                    das Leben.

 

                    Autorin:

                    Cora Stephan, Jahrgang 1951, ist promovierte Politikwissenschaftlerin.

                    Von 1976 bis 1984 war sie Lehrbeauftragte an der Johann Wolfgang von

                    Goethe Universität und Kulturredakteurin beim Hessischen Rundfunk. Von

                    1985 bis 1987 arbeitete sie im Bonner Büro des 'Spiegel'. Zuletzt

                    veröffentlichte sie 'Der Betroffenheitskult. Eine politische

                    Sittengeschichte', 'Die neue Etikette' und 'Das Handwerk des Krieges'.